PGS Geithain Turmkuppel AufsatzGerhardStein1973Stadtrat beschloss Erneuerung des Schuldaches

Der Stadtrat beschloss in seiner Sitzung am 15. März 2022 die energetische Sanierung des Dachgeschosses sowie die Erneuerung  des Daches der Paul-Guenther-Schule.

{Play}Die Gesamtmaßnahme soll in zwei Bauabschnitten über zwei Jahre realisiert  werden. Die Vorplanungen dazu wurden mit den zuständigen Fachbehörden bereits abgestimmt. Läuft alles nach Plan, wird sich das Schulgebäude 2025 zum 100. Weihejubiläum mit neuem Dach präsentieren.  Ursprünglich wurde der Schulturm bekrönt durch ein Turmhäuschen. Seit 1973 befindet sich dort die astronomische Beobachtungskuppel. Die Objekte existierten jweils  rund 50 Jahre. Der Denkmalschutz hat deshalb der Stadt als Schulträger und Eigentümer des Gebäudes die Wahl bei der künftigen Gestaltung der Turmbekrönung gelassen.

 

Der obligatorische Astronomieunterricht wurde in der DDR 1959 eingeführt. Die Universität Jena bildete die Fachlehrer aus. Oft waren es „gestandene“ PhysiklehrerInnen, die in einem zweijährigen Zusatzstudium die Qualifikation erwarben. Alle SchülerInnen der 10. Klassen eigneten sich in einer Wochenstunde Astronomie  Grundkenntnisse in dieser ältesten Naturwissenschaft an. Der Lehrplan schrieb auch praktische Beobachtungen am Sternenhimmel vor. Der Physiklehrer Dr. Bernhard Raabe hatte den Hauptanteil an der Schaffung hervorragender Bedingungen für einen lehrplangerechten Astronomieunterricht an der Geithainer Schule. So wurde 1973 vom damaligen Betrieb VEB Kettenförderer (heute Fa. Hellwig) die Kuppel für die astronomische Station gebaut und am 30. Juni 1973 auf den Turm an die Stelle des entfernten Turmhäuschens gehievt.

Nach Anschaffung entsprechender Beobachtungsgeräte und Einrichtung eines Astronomie-Fachzimmers im Schulturm konnten die geforderten Schülerübungen stattfinden. Die Geithainer Schule hatte in den 1970er Jahren in den 10. Klassen maximal sieben Parallelklassen! Wöchentlich drei bis vier Beobachtungen am Abend mit jeweils 10 – 15 Schülern auf dem 38m hohen Turm - bei hoffentlich konstant klarem Sternenhimmel! Das war eine gute Auslastung der neu geschaffenen Möglichkeiten, jedoch auch eine starke Belastung der jeweiligen Astronomielehrer.

Mit Bildung der neuen Bundesländer 1990 waren Veränderungen im Schulwesen angesagt. Astronomie als Unterrichtsfach wurde in fast allen neuen Ländern gestrichen. Sachsen machte eine rühmliche Ausnahme! Die Wochenstunde in der 10. Klasse blieb nicht nur, bis Anfang der Nullerjahre durften in den Klassen 11 und 12 der Gymnasien sogar fakultativ Astro-Kurse belegt werden.  Sie wurden von den Schülern gern gewählt. Auch in Geithain war zunächst noch nicht von einem Wegfall des Faches die  Rede. Nachdem durch einen Nässeschaden  das Teleskop in der Kuppel unbrauchbar geworden war, konnten laut Homepage der Schule aus den Spenden der Familien Guenther&Nachfahren ein neues Spiegelteleskop und ein Projektor für das Miniplanetarium angeschafft werden. Interessierte Schüler nutzten die von Herrn Friedla  angebotene Arbeitsgemeinschaft  Astronomie über einige Jahre. Leider wurde 2007 auch in Sachsen Astronomie als obligatorisches Unterrichtsfach abgeschafft. Beim Abwägungsprozess Turmhäuschen/neue Kuppel zählte neben der wesentlich kleineren Schülerzahl nun auch die Streichung des Faches Astronomie. Eine Beratung mit der Fa. Hellwig  ergab, dass eine Instandsetzung der Kuppel unter Berücksichtigung heutiger Sicherheitsvorschriften nicht mehr möglich ist. Für die Anschaffung einer neuen Beobachtungsstation liegt der Stadt ein Angebot in Höhe von rund 145.000 Euro vor. Auf Grund der fehlenden Nutzung sowie der zu erwartenden erheblichen Kosten für die  neue Station plant die Stadt Geithain, die alte Konstruktion zu entfernen und an deren Stelle wieder das ursprüngliche Häuschen als Turmbekrönung zu errichten.

Als 1973 das Turmhaus   abgerissen wurde, sahen manche ältere Geithainer den ästhetischen Gesamteindruck des Turmbaues schwer gestört. Heute wird es ähnlich sein. Man wird zunächst die Kuppel vermissen, weil man nichts anderes kannte. Alles hat seine Zeit. Es bleibt das Verdienst Dr. Raabes als Schöpfer dieser Astrostation. Es bleibt der große Nutzen dieser Anlage in ihrer Zeit. Astronomie als Unterrichtsfach empfinden nach wie vor  viele in Ost und West als Notwendigkeit. Die anfängliche Erhaltung und sogar Erweiterung der Astronomie in Sachsen war auch darin begründet, dass unter den Aufbauhelfern aus Bayern/Baden-Württemberg im Sächsischen Kultusministerium Mitarbeiter waren, die seit vielen Jahren in ihren Ländern für die Aufwertung der Astronomie gestritten hatten.

PGS Geithain Architekt Ebert BuntglasfensterArchiv SenfAndreas Rätsch von der Stadtverwaltung stehen Originaldokumente des Architekten der Paul-Guenther-Schule Emil Ebert zur Verfügung. Ihnen entsprechend wird das Turmhäuschen neu gebaut.

Für das neue Dach ist, wie 1925,  eine Biberschwanz-Kronendeckung geplant. Da es fast keine Farbaufnahmen zur Schule aus  der damaligen Zeit gibt und in der Weiheschrift zwar „Biberschwanzziegel“, jedoch keine Farbe genannt wird,  entstanden widersprechende Annahmen zur Originalfarbe des Schuldaches. „Kronzeuge“ ist aber der Architekt Ebert selbst. Auf einem der legendären Farbglasbilder ist Ebert zu sehen, ein Schulmodell mit rotem Dach präsentierend! Die ausführliche Erläuterung der anderen Maßnahmen im Zusammenhang mit der energetischen Sanierung, so auch des Artenschutzes für die Vogel- und Fledermauspopulationen, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Herr Andreas Rätsch, verantwortlich für Hoch-/Tiefbau/Baukoordinierung/IT, ist seit Beginn seiner Tätigkeit durch eine gute Transparenz städtischer Bauvorhaben für die Geithainer Öffentlichkeit bekannt.

Bild 1: Architekt Ebert auf einem der Buntglasbilder in der Paul-Guenther-Schule

Bild 2: Der Geithainer Musiker Gerhard Stein fertigte eine ganze Bildfolge zum Transport der Kuppel am 30. Juni 1973 an.

Beitrag für Mai 2022

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen in loser Folge auf der Homepage und im Amtsblatt Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!