„Walter, aber du bleibst Chef!“
Vor 50 Jahren – Enteignung der letzten Privatbetriebe in der DDR
Bis 1972 wurden noch fast 40% der Konsumgüterproduktion in der DDR von rund 11.400 selbstständigen Unternehmern, kleinen Mittelständlern und halbstaatlichen Betrieben erwirtschaftet. {Play}Die Abschaffung dieser letzten „Überbleibsel des Kapitalismus“ erwies sich zunehmend als schwerer Fehler. Manche Historiker sind heute der Meinung, dass diese Maßnahme  wesentlich zur wirtschaftlichen Schwächung bis zum Zusammenbruch 1989 beigetragen hat. In Geithain entstanden 1972 in diesem Umwandlungsprozess der VEB Gebäudewirtschaft, der VEB Baustoffkombinat, der VEB Säge- und Imprägnierwerk und der VEB Musikelektronik. Wie die Überführung von Walter Müllers Sägemühle in den VEB Säge- und Imprägnierwerk (SIW) erfolgte, sagte Herr Müller viele Jahre später anlässlich eines Gespräches zur Vorbereitung eines stadtgeschichtlichen Beitrages „Von Müllers Sägewerk über SIW zu Ladenburger“. 
Walter Müller erzählte, dass er eines Tages im Jahr 1972 einen Anruf von Erhard B., Stellvertreter des Vorsitzenden vom Rat des Kreises, erhielt: „Du, Walter, wir müssen wieder mal reden. Klappt`s bei Dir am Dienstag? Ich hab auch schon einen guten Tropfen kalt gestellt.“  Sie trafen sich zum vereinbarten Termin und Walter Müller erfuhr durch Erhard B.: „Also, die Regierung hat beschlossen, dass der volkseigene Sektor der DDR-Wirtschaft vergrößert werden soll. Dein Betrieb soll auch VEB werden.“ Fast im gleichen Atemzug fuhr er aber fort: „Aber du wirst weiter dort der Chef bleiben!“
Das Gespräch mit Herrn Müller fand im Februar 2007 statt. Er war längst Rentner und die Rückübereignung seines Betriebes lag schon Jahre zurück. Es besteht kein Zweifel, dass das Gespräch 1972 mit dem Stellvertreter des Ratsvorsitzenden tatsächlich so, wie oben beschrieben, verlaufen ist. Walter Müller war nach 1972 viele Jahre Betriebsdirektor des SIW. Das Werk gehörte mit 260 Beschäftigten zu den wichtigsten Betrieben der Stadt und des Kreises Geithain. Sicher war es auch Walter Müller mitzuverdanken, dass der Betrieb sehr zeitig als Bergbaubetrieb anerkannt wurde. Manch ehemaliger Beschäftigter freut sich heute über seine Bergmannsrente!
Diese Betriebe wurden 1972 in Form einer Kampagne innerhalb eines Vierteljahres verstaatlicht! Dass es ein großer Fehler war, erkannten damals schon viele, heute ist es erst recht unbestritten. Wie ist sie im Einzelnen abgelaufen? Das Spektrum ist sicher sehr breit. An dem einen Ende finden wir ähnliche menschliche Schicksale und Tragödien wie bei der Kampagne Ende der 1950er Jahre: „Sozialistischer Frühling“ in der offiziellen Darstellung, in der Realität war es damals eine Zwangskollektivierung. 1972 war es eine Zwangsenteignung. Am anderen Ende des Spektrums stehen solche Beispiele wie oben zu Walter Müller beschrieben. Eine Geschichtsdarstellung wäre grundfalsch, wenn sie nur jeweils das eine oder andere Extrem eines breiten Spektrums in den Mittelpunkt stellen würde. Sie wäre schlicht unglaubwürdig für die Nachkommenden! Die sogenannten „Blockparteien“ haben gerade während der Aktion 1972 eine besonders unrühmliche Rolle gespielt. Es war „… vor allem Aufgabe der Blockparteien, ihren mittelständischen Mitgliedern die ökonomische Selbstaufgabe nachdrücklich klarzumachen und die Enteignungswelle nach außen als ekstatischen Akt der Freiwilligkeit und der Einsicht in das gesellschaftlich Notwendige darzustellen.“
 

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Das 20. Jahrhundert mit seinen Zäsuren 1918, 1933, 1945 und 1989/90 ist in Familiengesprächen weitaus präsenter als weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Themen. Seit Februar 2019 erscheinen in loser Folge auf der Homepage und im Amtsblatt Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!