Silvester Poschmann im SAS swJPT 2016Aus einer Traueranzeige in der LVZ vom 25. April erhielten wir Kenntnis, dass Geithains langjähriger Bürgermeister (1959 bis 1984) Silvester Poschmann am 15. April 2020 im Alter von 94 Jahren verstorben ist. Die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er im Geithainer Seniorenheim am Stadtpark.

Anfang Mai teilte der Heimatforscher und Trauerredner Jürgen Klosa dem Geithainer Heimatverein mit, dass Silvester Poschmann am 15. Mai 2020 in Übach-Palenberg (Deutschlands westlichste Stadt, unmittelbar an der Grenze zu den Niederlanden gelegen), nun weit entfernt von seiner Heimat am Wohnort eines seiner Söhne seine letzte Ruhestätte findet, verbunden mit der Bitte, für die Beisetzung ein kleines Gefäß mit zirka 200 ml Muttererde aus Geithain zu schicken. Dies gehöre zu den vielen kleinen Gesten, die Verbundenheit ausdrücken können und “Heimatnähe” zu dem Ort herstellen, in dem Silvester Poschmann jahrzehntelang gelebt und gewirkt hat.

Der Heimatverein ist gern der Bitte nachgekommen und hat Pfarrer Markus Helbig gebeten, aus dem Grundstück Markt 8 Muttererde zu entnehmen, die wir dann nach Übach-Palenberg geschickt haben. Das Grundstück Markt 8 war jahrhundertelang der Gasthof “Zum Goldenen Löwen” und wurde von 1952 bis 2000 das Rathaus von Geithain, also auch der Amtssitz von Bürgermeister Silvester Poschmann. Heute ist es das “Haus der Kirche”.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Geithain acht Bürgermeister mit jeweils kurzen Amtszeiten von einem Monat bis maximal fünf Jahren. Erst durch Silvester Poschmann kam Ruhe und Kontinuität in das Bürgermeisteramt. Mit 25 Dienstjahren war er nach Christian Friedrich Bauer (1862 bis 1899) der Bürgermeister mit der zweitlängsten Amtszeit. In diesen 25 Jahren waren große Aufgaben, insbesondere durch den Bürgermeister, zu bewältigen, auch hinsichtlich der Situation, dass Geithain 1952 Kreisstadt geworden war. Im Folgenden möchte ich diese kurz zusammenfassen. Hierbei beziehe ich mich im Wesentlichen auf die Geithain-Chronik 3 von Dr. Gottfried Senf:

Als Silvester Poschmann (SED) als neuer Bürgermeister am 1. April 1959 sein Amt antrat, sah er drei Hauptaufgaben für die nächsten Jahre: Planerfüllung in der Landwirtschaft (LPG und Privatbetriebe), Lösung der Wohnungsproblematik (zeitweise gab es 300 Wohnungssuchende) sowie Verbesserung der Dienstleistungen und der Infrastruktur. Von 1959 bis 1963 entstanden rund 320 Wohnungen zwischen der (heutigen) Louis-Petermann- und der Hospitalstraße, seit dem Entstehen von Geithain-West als „Altneubaugebiet“ bezeichnet.

Das Jahr 1960 brachte für die Landwirtschaft der DDR die 3. Zäsur nach der Bodenreform 1945 und den ersten LPG-Gründungen ab 1952. Anfang des Jahres galt es für alle SED-Parteileitungsebenen und die staatlichen Verwaltungsstellen, also auch für die Bürgermeister, alle noch privat wirtschaftenden Bauern nunmehr endgültig für den „freiwilligen“ Eintritt in die LPG zu „gewinnen“. Unverzüglich war mit der vollständigen sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft zu beginnen. Ende April 1960 war die Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR abgeschlossen. In Geithain gab es nach dieser Aktion neben der schon seit 1953 existierenden LPG „Allen voran“ (Typ III) die LPG „Neumarkt“ und die LPG „Goldborn“ in Mark Ottenhain, beide vom Typ I.

Im Sommer 1964 konnten weitere 52 Wohnungen im Altneubaugebiert bezogen werden.

1966 beginnt ein umfassender Aus- und Umbau des alten Hotels „Stadt Altenburg“, seit der Enteignung der Familie Stecher 1953 „HO-Gaststätte Freundschaft“, zum modernen „Haus Altenburg“. Neben fünf Hotelzimmern, einem Café, einem Restaurant und einem großen Saal mit 250 Plätzen entstehen zwei Versammlungsräume. Die Kreisstadt benötigte für viele Veranstaltungen eine repräsentative Lokalisation.

Im Frühjahr 1967 beginnen mit dem Erdaushub für die künftigen Becken die Bauarbeiten für das neue Freibad am Oberfürstenteich. Die Baukosten waren mit 2 Millionen Mark veranschlagt. Zur Verfügung standen 500.000 Mark aus einem entsprechenden Fonds beim Rat des Bezirkes Leipzig. Weitere 500.000 Mark betrug der Eigenbeitrag der Stadt Geithain. Die Finanzierungslücke von 1 Million Mark wurde geschlossen als Projekt im Rahmen des „Mach-mit-Wettbewerbes“. Im Juni 1969 enden die Bauarbeiten. Die Freude in der Bevölkerung bei der feierlichen Eröffnung war riesengroß, hatte man doch oft selbst mit zum Bau beigetragen.  Die Kreisstadt Geithain verfügte nun endlich über ein eigenes Freibad, Wettkämpfe mussten nicht mehr in Frohburg durchgeführt werden.

Nach drei Jahren Bauzeit öffnete am 11. Dezember 1970, zum Tag des Gesundheitswesens in der DDR, in der Robert-Koch-Straße die Kreispoliklinik, das heutige Ärztehaus, ihre Pforten.

Von 1970 bis 1972 wurden – außerhalb der verplanten Baukapazitäten und Baumaterialien – weitere zwei Wohnblöcke im Altneubaugebiet mit 64 Wohnungseinheiten errichtet. Im internen Sprachgebrauch hießen die beiden Neubauten „Initiativblöcke“. Zentral standen lediglich Platten- und Montagekapazitäten zur Verfügung. Bodenaushub, Fundamente, Dacheindeckung, Putzarbeiten, Innenausbau und Sanitärinstallation – alles wurde mit Hilfe Geithainer Industrie- und Handwerksbetriebe und durch hohe Eigenleistungen der zukünftigen Mieter erbracht. Die Organisation oblag der Stadt. Der Bürgermeister war, wieder einmal nach dem Badbau, zeitweilig mehr „Bauleiter“. Diese zusätzliche Arbeit war notwendig vor dem Hintergrund, dass es Ende 1969 in Geithain noch 230 Wohnungssuchende gab.

Im Februar 1972 beschließt das SED-Politbüro die Überführung von Betrieben mit staatlicher Beteiligung, von industriell produzierenden Produktionsgenossenschaften des Handwerks und von privaten Unternehmen in Volkseigentum. In Geithain wurden 1972 in diesem Umwandlungsprozess der VEB Gebäudewirtschaft, der VEB Säge- und Imprägnierwerk (SIW) und der VEB Musikelektronik gegründet. Die HEROS-Baumschulen hießen fortan „Volkseigenes Gut Baumschulen Niedergräfenhain“.

Am 7. Oktober 1973, dem „Tag der Republik“, weihte die Stadt den neuen Marktplatz ein. Seit Monaten arbeitete man an seiner Neugestaltung: Die Straße führte nun nicht mehr diagonal über den Platz. Dieser wurde mit farbigen Platten ausgelegt. Im oberen Teil des Marktes schuf der Zirkel für künstlerische Emaillearbeiten unter Leitung von Günter Rackwitz einen Emaillebrunnen. Blumenrabatten begrenzten die Nordseite des Platzes.

Im gleichen Jahr feierte das Geithainer Emaillierwerk „75 Jahre Qualitätsgeschirr aus Geithain“.

Seit Jahresbeginn 1974 ist – nach mehreren Versuchen in der Vergangenheit – Wickershain eingemeindet. Mit seinen 220 Einwohnern steigt die Einwohnerzahl Geithains auf 7300.

Am 10. Mai 1974 erfolgt die Grundsteinlegung für den späteren VEB Großwäscherei Geithain. Der Betrieb soll bezirksweit die Versorgung mit Fertigwäsche (Bevölkerung, Krankenhäuser, Hotels) übernehmen. Es wird eine Jahreskapazität von 4300 t Wäsche konzipiert. im Dezember 1976 findet der Probelauf statt.

1974 werden nach einem Jahr die Arbeiten zur Rekonstruktion des Sportplatzes abgeschlossen. Sie waren dringend notwendig geworden, weil der Platz wegen Nässe oft unbespielbar war. Sie wurden verbunden mit dem Bau des Sportgebäudes am Westrand des Platzes. Am 7. Oktober findet die offizielle Eröffnung statt. Die Erweiterungen und Verbesserungen rechtfertigen, dass der Sportplatz nun „Stadion“ genannt werden darf. Aus aktuellem Anlass erhielt es den Namen „25. Jahrestag der DDR“, seit der 825-Jahrfeier im Jahre 2011 „Henning-Frenzel-Stadion“, benannt nach dem aus Geithain stammenden DDR-Fußballnationalspieler.

1975 beginnen die Bauarbeiten in Geithain-West, dem bis dahin größten Bauvorhaben in der Stadtgeschichte. Vorgesehen sind rund 600 Wohnungen mit bezirklichen Vorgaben für Berg- und Energiearbeiter aus der Bornaer Region bzw. für die Bewohner der durch den Braunkohleabbau zerstörten Dörfer. Der Bau von Geithain-West bedeutet aber auch eine Entlastung der Wohnraumsituation für Geithain. Die Gebäude entstehen in Großplattenbauweise. Die letzten Blöcke werden 1983 fertig.

Der „Goldene Löwe“ am Markt, ältester Gasthof der Stadt, diente seit 1952 als Rathaus. Nach 23 Jahren des Betriebes erfolgt nun im Jahre 1975 eine umfassende Rekonstruktion des Gebäudes mit dem Ziel, für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung ordentliche Arbeitsbedingungen zu schaffen, ein niveauvolles Trauzimmer sowie die Stadt- und Kreisbibliothek einzurichten.

Seit dem 8. Mai 1976 trägt die Geithainer Paul-Guenther-Schule, zuvor seit Anfang der 1950er Jahre namenlos, den Namen „Juri-Gagarin-Schule“.

In den Jahren 1975/76 entsteht in Geithain-West eine neue Schule, sie erhält den Namen „Wilhelm-Pieck-Schule“, das heutige Internationale Gymnasium. Eine Entlastung der bisher einzigen Geithainer Schule (Juri-Gagarin-Schule, heute wieder Paul-Guenther-Schule), die zuletzt rund 1200 Schüler in 41 Klassen aufnahm, war dringend notwendig. Die Gesamtkapazität beider Schulen ermöglicht, dass alle Schüler aus Geithain und Umgebung in Geithain unterrichtet werden können.

Per 31. Mai 1984 scheidet der langjährige Bürgermeister Silvester Poschmann (SED) nach zweieinhalbjähriger Krankheit und Invalidisierung aus dem Amt. Sein Nachfolger wird Heinz Herzog.

Bernd Richter und Dr. Gottfried Senf, Geithainer Heimatverein e.V.


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