Dr. Rudolf Focke 3.v.l. mit Stadträten Lippold Kahl Meinig Scheibe Seiffarth Heil 1928 am restaurierten Geithainer RatstischDr. Rudolf  Focke zählt zu den langjährigen Bürgermeistern der Stadt Geithain. Christian Friedrich Bauer steht mit 37 Dienstjahren (1862 bis 1899) an der Spitze. An zweiter Stelle folgt Silvester Poschmann, der 25 Jahre (1959 bis 1984) Geithainer Bürgermeister war. Rudolf Focke lenkte als Bürgermeister 17 Jahre lang, von 1916 bis 1933, die Geschicke der Stadt. Sein Vorgänger Richard Höfer ging nach zwölf Dienstjahren 1916 in den Ruhestand und die Stadt suchte über eine Ausschreibung einen neuen Bürgermeister. Rudolf Focke war mit 46 Jahren der Älteste unter den 25 Bewerbern für das Amt. Die Geithainer Ratsmitglieder entschieden sich einstimmig für den in Burgstädt wohnenden Doktor der Rechte. Die feierliche Amtseinsetzung mit Ablegung des Amtseides erfolgte am 1. April 1916.

Bild : Dr. Rudolf Focke (3.v.l.) mit Stadträten Lippold, Kahl, Meinig, Scheibe, Seiffarth, Heil, 1928 am restaurierten Geithainer Ratstisch

Seine lange Geithainer Amtszeit fiel in die Zeit wichtiger Veränderungen in ganz Deutschland: von der Kaiserzeit und dem 1. Weltkrieg über die Revolution 1918 und die Weimarer Republik bis zu ihrem Ende im Jahre 1933. Rudolf Focke hat einen großen persönlichen Anteil an drei für die Stadt Geithain wahrlich nachhaltigen Projekten: Bau der Paul-Guenther-Schule 1925, Stadionbau 1926, Jugendherberge 1927. Die Errichtung der Heilquelle im Oberen Stadtpark 1932 und der Bau der Wohnhäuser in der Schillerstraße sowie der sogenannten Stadthäuser zwischen Friedhof und der Grimmaischen Straße fallen auch in seine Amtszeit.

Während wir uns durch die Protokolle der Stadtverordnetensitzungen und die regelmäßigen Jahresberichte des Bürgermeisters von der "Dienstperson" Focke ein ganz gutes Bild machen können, wissen wir nur wenig Persönliches über ihn. Er wurde am 7. März 1870 in Burgstädt geboren. Nach dem Studium an der Universität Leipzig leistete er die Referendarzeit bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts in Leipzig ab. Es folgten Jahre der beruflichen Arbeit am Amtsgericht Leipzig und in der Stadtverwaltung von Meerane. Von 1908 bis 1916 arbeitete er als Rechtsassessor in der Stadtverwaltung Burgstädt. Er konnte also bei Amtsantritt in Geithain langjährige Erfahrungen in der kommunalen Verwaltungsarbeit vorweisen. Dr. Focke war verheiratet. Der Sohn Ernst-Günter wurde 1914 geboren. Er studierte ebenfalls Jura. Frau Margarethe Focke verzog nach dem Tod ihres Mannes 1933 zunächst nach Burgstädt und später nach Dresden. Frau Franziska Drews, ehemalige Mitarbeiterin des Geithainer Heimatvereins entdeckte, erst vor einigen Monaten und eher zufällig, das Grab Dr. Fockes  auf einem Dresdener Friedhof.

Eine zweite Entdeckung zur Biografie Fockes, erst vor wenigen Wochen, verdanken wir Herrn Ulrich Ibrügger. Im Geithainer Stadtarchiv fand er die Mitteilung über Fockes Mitgliedschaft in der Leipziger Freimaurerloge „Minerva zu den Drei Palmen“. Jener Loge gehörte auch Schuldirektor Petermann an. Als Bürgermeister genoss Dr. Focke über die vielen Jahre wegen seiner fleißigen und korrekten Arbeit allseits Anerkennung. Nach fünfjähriger Dienstzeit wurde er 1921 auf einer gemeinsamen Sitzung des Rates und der Stadtverordneten zum Bürgermeister auf Lebenszeit gewählt. Einen kleinen Einblick in Denken und Fühlen des Menschen Rudolf Focke gewährte die Festrede zur Einweihung der Paul-Guenther-Schule im Jahre 1925. Damals gab es noch nicht so etwas wie "Redenschreiber" oder "Ghostwriter". Wir dürfen davon ausgehen, dass der Redner seine eigenen Gedanken zum Ausdruck brachte. Es offenbart sich an vielen Stellen eine demokratisch-humanistische Grundhaltung, die für Dr. Focke kennzeichnend ist bis zum Ende seiner Tätigkeit im Frühjahr 1933. Ein Satz in seiner Rede klingt deshalb schon wie eine Vorahnung darauf, welche Geisteshaltung ab Frühjahr 1933 im Stadtrat dominieren wird: "Erwecken Sie in jedem Schüler zunächst den Glauben an sich selbst ... Dieser Glaube ist nicht Dünkel und Selbstüberhebung, nicht Äußerung des Herrenmenschen, sondern Zuversicht zu den eigenen Fähigkeiten." Auch seine Jahresberichte sind in einer wohltuend menschlichen Sprache, fernab bürokratischer Floskeln, gehalten.

Die politische Gesamtentwicklung ab etwa 1930 bis Januar 1933 wird diesen hochanständigen und integren Menschen mit Sicherheit sehr beunruhigt haben. Bis Ende 1932 lassen die Protokolle der Stadtverordnetensitzungen in keiner Weise erkennen, dass der Bürgermeister etwa durch Krankheit oder anderweitige Gründe seine Arbeit hätte einschränken müssen. Im Frühjahr 1933 verschlechterte sich der Gesundheitszustand des 63-Jährigen dramatisch. An der 4. Öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten am 14. März 1933 nahm er noch als Bürgermeister teil. Aber bereits Anfang April 1933 berichtete der Stadtrat "ergebenst der Amtshauptmannschaft Borna, dass Bürgermeister Dr. Focke wegen Bronchialasthma und Herzstörungen erkrankt ist und seine Amtstätigkeit erst in Wochen wieder aufnehmen kann." Er konnte seine Tätigkeit nie wieder aufnehmen. Er starb am 25. April 1933. Nach einer Trauerfeier des Stadtrates im Rathaussaal erfolgte die Überführung des Toten nach Dresden. Gewiss werden zukünftige Detailforschungen zur Biografie dieses herausragenden Geithainer Bürgermeisters genauere Aussagen ermöglichen. Dr. Focke war mit Sicherheit kein Nationalsozialist und hat unter den politisch aufreibenden Verhältnissen, insbesondere der letzten Jahre bis 1933, sehr gelitten.

Geithain im 20. Jahrhundert

von Dr. Gottfried Senf

Die Geithainer Zeitgeschichte ist seit vielen Jahren Gegenstand der Forschungsarbeit des Heimatvereins. Die Zeit unserer Eltern und Großeltern in dieser Stadt interessiert manchen mehr als sehr weit in der Stadtvergangenheit zurückliegende Vorgänge, Ereignisse und Personen. Seit Februar 2019 erscheinen an dieser Stelle in loser Folge Beiträge zur Geithainer Zeitgeschichte. Hinweise, Ergänzungen oder Fragen zu den Quellen bitte über E-Mail an:

senfg@aol. com oder Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.